„Anders zu sein,        
das muss man üben.“ Dieter Linz

Stolpersteine in
Düsseldorf finden

Gitta Glücksmann

Geibelstraße 39

Brigitte, genannt Gitta, wurde am 29. März 1924 geboren als dritte Kind des Ehepaars Robert und Käthe Glücksmann, geborene Stern, in Düsseldorf geboren. Ihre Eltern hatten noch zwei ältere Kinder: die am 25. März 1913 in Bern geborene Tochter Ursula und den am 16. Juni 1916 in Düsseldorf zur Welt gekommenen Sohn Klaus.
Gittas Vater hatte ab 1907 als Manager der Verkehrsschule Bern gearbeitet. Von 1914 bis 1921 dann Privatwirtschaftslehre an der von ihm gegründeten Hochschule für Hotel- und Verkehrswesen in Düsseldorf gelehrt. Ihre Mutter Käthe stammte aus Berlin. Ihre Eltern waren der Rechtsanwalt Hermann Stern (1852-1905) und dessen Frau Margarethe, geborene Hirschfeld.

Familie Glücksmann wohnte in Düsseldorf in einer eigenen Villa in der Geibelstraße 39. Gitta war sehr musikalisch. Sie und ihre Geschwister wuchsen behütet und glücklich auf.
Im Jahr 1929 gründete und leitete ihr Vater das Forschungsinstitut für den Fremdenverkehr in Berlin. 1933 musste er seine Stellung dort aufgeben. Gitta und ihre Geschwister waren evangelisch getauft. Auch ihre Eltern hatten sich taufen lassen. Für die Nationalsozialisten galten sie jedoch als Juden beziehungsweise „nichtarische Christen“.

Nachdem ihr Vater als „Nichtarier“ nicht mehr publizieren durfte, versuchte er vergeblich, eine Aufenthaltsgenehmigung für die Schweiz zu bekommen. 1935 brach die Parkinson’sche Krankheit bei ihm aus. Eine Emigration war ab diesem Zeitpunkt für ihn faktisch nicht mehr möglich.
Ihre Schwester Ursula schloss 1936 in Berlin ihr Studium ab und verließ Deutschland 1938. Gitta und ihr Bruder Klaus wandten sich bewusst der jüdischen Gemeinschaft zu, der sie durch die NS-Rassegesetzgebung zwangsweise angehörten. Klaus Glücksmann trat im Jahr 1938 offiziell der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf bei und war einer der führenden Jugendleiter des Jüdischen Pfadfinderbundes (JPB). Gitta besuchte die jüdische Schule in der Kasernenstraße.

In der Pogromnacht vom 10. November 1938 wurde das Wohnhaus der Familie Glücksmann in der Geibelstraße 39 von Nationalsozialisten aufgesucht und die Einrichtung zertrümmert. Mit im Haus lebte seit 1930 auch Gittas Großmutter Margarethe Stern.

Am 17. August 1939 konnte Gitta mit einem Kindertransport nach England einreisen, ihr Bruder Klaus gelangte im Oktober 1939 illegal nach Palästina. In der Folgezeit entstand ein reger Briefwechsel zwischen den Geschwistern einerseits und mit den in Düsseldorf zurückgebliebenen Eltern.

Gitta besuchte in Großbritannien die Schule. Sie lebte in verschiedenen Gastfamilien. Gitta wurde zu Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 kurzzeitig als Deutsche auf der Isle of Man als „feindliche Ausländerin“ inhaftiert.

In ihren Briefen wird deutlich, wie sehr sie die Eltern und ihre Geschwister vermisste. Am 21. Januar 1942 schrieb sie an ihren Bruder Klaus folgende Zeilen: „Ich denke so oft an zu Hause und was sie wohl machen und ob sie nach Polen verschickt worden sind. Soweit reicht meine Denkfähigkeit einfach nicht, denn ich könnte mir es nie vorstellen. Eltern und Geibelstraße ist untrennbar und ich habe selbst nach zweieinhalb Jahren riesig große dumme Hoffnung sie dort und nirgends anders wiederzusehen. Wenn ich sie überhaupt wiedersehe. Aber das ist eben die Hoffnung. Kennst Du das von Heine?
Ich hatte einst ein schönes Vaterland.
Der Eichenbaum wuchs dort so hoch,
die Veilchen nickten sanft.
Es war ein Traum.
Das küßte mich auf deutsch und sprach auf deutsch.
(Man glaubt es kaum, wie gut es klang)
das Wort: ‚ich liebe dich’
Es war ein Traum
Manchmal träume ich von dem Wiedersehen mit Euch allen, das heißt sehr oft, und das Aufwachen ist das furchtbarste, was man sich vorstellen kann, es ist ein solches Übermaß an Enttäuschung und Schmerz, daß es schon körperlich weh tut
.“

Am 21. Juli 1942 wurden ihre Eltern Käthe und Robert Glücksmann und ihre Großmutter Margarethe Stern von Düsseldorf in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Ihr Vater Robert war zu diesem Zeitpunkt schon so krank, dass er in den Eisenbahnwagen getragen werden musste. Am 10. September 1942 verstarb er im Ghetto. Ihre Großmutter Margarethe Stern starb knapp ein Jahr später am 17. Juli 1943. Ihre Mutter Käthe Glücksmann wurde am 9. Oktober 1944 aus dem Ghetto Theresienstadt in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und ermordet.

Gitta Glücksmann und ihre Geschwister wussten derweil nichts Konkretes von ihren Eltern. Der Briefkontakt war nach deren Deportation abgebrochen. Gitta wollte zu ihrem Bruder Klaus nach Palästina auswandern. Sie bereitete sich aktiv auf die Auswanderung vor. Im zionistischen Jugendverband verliebte sie sich in Levy Grünberg und plante zu heiraten. Gitta Glücksmann kam am 19. Juni 1944 bei einem deutschen Luftangriff auf London ums Leben.

Autorin: Hildegard Jakobs, Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf

Allen jüdischen Menschen wünschen wir von Herzen schöne Feiertage und einen guten Übergang in das neue Jahr 5783. Shana tova u‘metuka!

Unser Bild zeigt die Synagoge an der Kasernenstraße, die zwei Tage vor Erev Rosh haShana 5665 (6. September 1904) eröffnet wurde. Bis zur Zerstörung durch die Nationalsozialisten im November 1938 konnten die jüdischen Familien Düsseldorfs in dieser Synagoge ihre Feste und Gottesdienste begehen.