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LIEBE MUG-COMMUNITY,
letzten Donnerstag hatte ich mir ein paar Stichworte für dieses Newsletter-Intro notiert, die heute aber hinfällig sind. Ich möchte Ihnen gerne etwas Persönliches erzählen, was mir am gestrigen Sonntag passiert ist.
Gestern früh um sieben Uhr sind unser Hund Ginsburg und ich zur klassischen Morgenrunde aufgebrochen. Im Park ging plötzlich ein Mann, viel zu nah, hinter uns. Nach ein paar Metern hat er lautstark begonnen, eine Sprachnachricht aufzunehmen. Der Person am anderen Ende sagte er: „Männer, die sich anziehen wie Frauen und so sein wollen, und Frauen, die sich wie Männer anziehen und so sein wollen – die gehören alle erschossen! Früher wurde das geregelt.“. Mein erster Impuls war umdrehen und dagegenhalten. So bin ich gerne. Gerne mal zu laut und schnippig bei solchen Kommentaren. Nicht gestern. Ich habe den Mund gehalten. Ich weiß, wenn es sein muss, wächst Ginsburg dreimal über sich hinaus… Ich habe den Mund gehalten und zum Taxistand geschaut. Keiner da. Dann zum Hotel – zum Glück Leute. Ich bin schneller gegangen. Er hat noch etwas vor sich hingepöbelt und ist Richtung Altstadt abgebogen. Ich habe durchgeatmet und den Hund getätschelt.
Dieser kurze Moment von vielleicht drei Minuten hat mich den ganzen Tag beschäftigt. Vor allem meine Reaktion, die so atypisch war. Ich bin irgendwann zu dem Schluss gekommen, dass Berlin und der Angriff auf die queere Community mir tiefer in den Knochen sitzen als gedacht. Haben Sie die Kommentarspalten auf Social Media gelesen? „Die gehören vergast“, „gut so, hätten noch mehr sein können“ – und das sind die harmlosen. Der katholische Pfarrer Winfried Abel aus Hünfeld-Großenbach kommentierte den Anschlag öffentlich als „Signal des Himmels“ und „Aufruf zur Besinnung und zur Umkehr“. Alles zu lesen in der „Fuldaer Zeitung“. Es wird nicht einfacher, Teil der Community und katholisch zu sein.
Dann gab es eine intensive Auseinandersetzung und das Verschwimmen von Fakten. Islamismus und Islam wurden verschmolzen, und bei allen Diskussionen wurden die Opfer in die zweite, dritte, vierte Reihe gedrängt. Es wurde vom Anschlag auf „unsere vielfältige Gesellschaft“ und „die Freiheit“ gesprochen. Ja, das war es! Was dieser Anschlag aber auch war, war ein Angriff auf eine ganz bestimmte Gruppe. Wie schwer fiel es Menschen, Worte wie „queer“ oder „LSBTIQ+“ zu verwenden. Ziel des Attentäters war es, queere Personen zu verletzen oder zu töten. Menschen, die zusammen demonstriert und gefeiert haben. In dieser Tat und Trauer wurde die Community unsichtbar gemacht.
Um aus dieser Stimmung und Abwärtsspirale herauszukommen, habe ich versucht, an die positiven Erfahrungen zu denken – an Düsseldorf. Wie dankbar ich für einen Oberbürgermeister wie Dr. Stephan Keller bin, der am Morgen nach dem Anschlag aus dem Urlaub heraus sofort die Pride-Flag am Rathaus aufhängen lässt. Der sich regelmäßig mit dem städtischen Divers-Netzwerk trifft, um einfach nur zu hören, „ob alles gut ist“. Ein Oberbürgermeister, der sich bewusst für eine Stolpersteinpatenschaft für einen verfolgten Mann nach Paragraf 175 entschieden hat.
Wieviel es Menschen vergangenen Montag bedeutet hat, dass die Stadt selbst zum Gedenken am Rathaus aufgerufen hat. Wie gut es getan hat, gemeinsam mit dem Team der MuG am Erinnerungsort auf der Apollo-Wiese Blumen niederzulegen und zusammen innezuhalten.
Und dann natürlich die letzten 10 Monate mit der Sonderausstellung „gefährdet leben“. In der Ausstellung und dem Begleitprogramm steckte viel Arbeit, aber es hat sich gelohnt. Es ist so viel Positives zurückgekommen, was einfach bleiben wird. Alle öffentlichen Führungen waren voll. Es war ein respektvolles und umsichtiges Miteinander. Menschen aus der queeren Community aber auch so viele Personen aus der Dominanzgesellschaft. Menschen jeden Alters. Keine Führung glich der anderen, aber alle waren schön. Mich haben Gespräche berührt, die ich mit Einzelbesucher:innen 70plus hier und da geführt habe, die „Dinge jetzt anders“ sehen. Die jüdische Aktivistin und Freundin unseres Hauses Rivka Young schrieb bei facebook: „Vor einigen Wochen war ich in der Ausstellung „gefährdet leben. Queere Menschen 1933 bis 1945“ in der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf.
Mich hat erschüttert, wie wenig darüber gesprochen wird und dass queere Menschen bis heute diskriminiert, beleidigt, bedroht und angegriffen werden. Ich merke, dass ich zu diesem Thema viel zu lange still war. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil queeres Leben für mich schon immer ganz selbstverständlich dazugehört. Ich komme aus Köln. Dort bin ich mit dem Satz aufgewachsen, dass es egal ist ob de Huhn bess oder Hahn. Das war für mich nie eine politische Haltung, sondern einfach normal. Ich dachte fälschlicherweise, diese Selbstverständlichkeit sei längst gesellschaftlicher Konsens“. Mehr kann man sich als Kuratorin nicht wünschen. Danke für Deine Worte Rivka!
Und wenn ich jetzt drüber nachdenke, rückt die Episode von gestern immer weiter nach hinten. Die Ausstellung hat gezeigt, wie wichtig es ist Freundschaften und Bande zu bilden. Ein großer Themenblock in der Ausstellung ist dieser Tatsache gewidmet. Wenn es diese Bande und Freundschaften nicht gegeben hätte, wären die Opferzahlen der queeren Community während des Nationalsozialismus noch höher gewesen. Freundschaften und Bande innerhalb der Community, aber vor allem auch außerhalb sind jetzt gerade vielleicht noch wichtiger als jemals zuvor. Lassen Sie uns Bande bilden und offen aufeinander zugehen. Dazu kann es schon gehören die Dinge zu benennen. Wörter wie queer, schwul, lesbisch oder trans zu benutzen. Einfach mal zu gendern. Gendern ist so viel mehr als die weibliche und männliche Form. Gendern kann jemandem ein gutes Gefühl geben. Versuchen sie es doch mal mit diesem Ansatz. Sie geben jemandem ein gutes Gefühl, weil Sie gendern. Sie zeigen jemandem „ich seh dich“. Das ist doch so viel mehr wert als die verbitterte Diskussion darüber, ob es „sprachlich schön“ ist. Sie wünschen sich doch für sich auch, dass sie gesehen und respektvoll behandelt werden.
Die Sonderausstellung der Hirschfeldstiftung läuft noch bis zum 30. August. Nutzen Sie die Chance! Gehen Sie zum ersten oder vielleicht zum zweiten oder dritten Mal in diese Ausstellung. Nehmen Sie Freund:innen mit und setzen Sie so ein Zeichen gegen Queerfeindlichkeit. Ich würde mich freuen!
Sie können mit diesem Newsletter übrigens schon in den Spätsommer und Herbst schauen. Da ist bestimmt was für Ihre Kalender dabei.
Ich wünsche Ihnen einen schönen August. Passen Sie gut auf sich auf und bleiben Sie uns treu!
Von Herzen,
ihre
Astrid Hirsch-von Borries
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