“Wir müssen für die
                   Freiheit planen
und nicht für die          
Sicherheit.“ Karl Popper

Stolpersteine in
Düsseldorf finden

Margarethe Rothschild, geborene Baum

Immermannstraße 64

Margarethe (Grete) Baum wohnte zusammen mit ihren Eltern in der Immermannstraße 66 nahe dem Düsseldorfer Hauptbahnhof. Die gesamte Häuserzeile wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und nach Kriegsende nicht wiederaufgebaut. Heute befindet sich an dieser Stelle der Eingang zum KAP 1.

Am 30. Dezember 1906 wurde Margarethe, genannt Grete, Baum in Düsseldorf geboren. Am 26. August 1913 gesellte sich ein Bruder hinzu – Hans Joachim. In Düsseldorf führten ihre Eltern Otto und Frieda Baum das Wäschehaus Baum in der Immermannstraße 64. Ihr Vater Otto Baum organisierte den Ankauf der Ware, die Mutter Frieda Baum verkaufte.
Gretes Bruder Hans Joachim Baum nahm 1935 nach seiner Lehre bei den Vereinigten Seidenwebereien in Krefeld eine Anstellung als Vertreter für die Vereinigten Seidenwebereien in Breslau an, 1936 konnte er nach Palästina emigrieren.
Für sie und ihre Eltern wurde die Lage in Düsseldorf immer schwieriger. In einem Brief vom Mai 1937 schrieb ihre Mutter Frieda Baum an ihren Sohn: „Lieber Junge, wenn Du die Verhältnisse kennen würdest, käme die Frage wegen des Riesenlagers nicht von Dir. Vater könnte Ware verkaufen, wenn er sie nur hätte. Berger haben wir verklagt, weil er nicht liefert. (…) Von allen Seiten bekomme ich Absagen, keine Fabrik liefert.“

Im Juni 1938 zog Grete Baum mit ihren Eltern innerhalb der Immermannstraße, von der 66 in die 64, um. Ihre Mutter schrieb darüber an Hans Joachim: „Also im Juni ziehen wir in Willkomms Wohnung. Es wird alles neugemacht, Badezimmer mit Waschbecken und ein Beuler, damit wir warmes Wasser haben, nur unangenehm ist es, dass jeder der auf Toilette will immer durch die Küche gehen muss. Gretel bekommt dann das Herrenzimmer als ihr Wohnzimmer d.h. Schlafzimmer, es sind ja nur 3 Zimmer und Küche und Badezimmer. Die Wohnung kostet 95 Mk im Monat, also 40 Mk weniger wie unsere jetzige. Wer weiss, wie lange wir noch da drin bleiben. —

In der neuen Wohnung wurden Grete Baum und ihre Eltern im Zuge der Pogromnacht 1938 überfallen und auch das Geschäft wurde zerstört. In einer Postkarte vom 15. November 1938 schrieb ihre Mutter an Hans Joachim: „Mein geliebter Junge, Dein Telegramm haben wir erhalten, hoffentlich hast Du Dich nicht zu sehr erschreckt. Wenn Du nur für uns 4 Einreise bekommst, Löwys wollen nach Amerika. (…) Mein schönes Geschäft, meine schöne Wohnung, in der wir uns so glücklich gefühlt haben. Heute ist Feiertag, doch wir haben den ganzen Tag Schreiner und Schlosser im Haus. Die Leute kommen jetzt in den nächsten Tagen meine Möbel was noch gut ist in Ordnung zu bringen.

Grete Baum meldete sich mit ihrem Verlobten Siegfried Rothschild (geboren am 7. Juli 1884 in Dortmund) nach Belgien ab. In Antwerpen bezogen sie ein kleine Unterkunft in einer Pension. Geplant war fest die Weiteremigration in die USA. Am 18. März 1939 schrieb Grete aus Antwerpen an ihren Bruder in Palästina: „Der Gedanke an die Eltern lässt mir nicht viel Ruhe, und ich hoffe so sehr, dass es ihnen doch noch möglich sein wird, dies Jahr nach Pal. Zu kommen, denn bis ich Euch alle nach USA holen kann, vergehen mindestens noch 1 bis 2 Jahre.“ Für Grete war der Aufenthalt in Belgien zwar weiterhin schwierig, aber dennoch eine große Erleichterung. Sie schrieb an ihren Bruder: „Das „freier-aufatmen können“ hier ist für mich ein wahrer Gesundbrunnen, ich bin gesundheitlich schon viel besser dran und wenn auch die Sorgen einen niemals verlassen, so ist das Gefühl, nicht mehr in unmittelbarer Lebensgefahr zu sein, und Mensch unter Menschen sein zu dürfen, mit nichts zu bezahlen. Ich bin sehr froh, hier sein zu können.“ Doch die Gefahr wurde beiden immer deutlicher. Am 18. April 1939 schrieb sie: „Kurz und gut, es kriselt sich hier was zurecht, und obwohl glücklich darüber, den Rücken endlich gedreht zu haben, schwankt hier der Boden unter den Füssen, weil man auch hier von (geschwärzt) bedroht fühlt.“ Am 25. April 1939 heirateten die beiden auf dem Standesamt in Antwerpen.

Nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht im Mai 1940 änderte sich alles für die zwei. Ihre Mutter Frieda Baum schrieb am 24. August 1940 darüber an Hans Joachim: „Gretel wohnt wieder (…) in Antwerpen. Sig ist seit 10.5. interniert in Südfrankreich, Gretel wusste 10 Wochen nicht, wo er ist und wir wussten von beiden nichts. Gretel hat fürchterliches mitgemacht auf der Suche nach ihrem Mann. Sie war 3 Wochen zu Fuss und zu Rad unterwegs in Dünkirchen, Calais, Arras und ist von den Franzosen verhaftet worden, da sie glaubten eine Deutsche Spionin vor sich zu haben. Sie sollte erschossen werden und ist Gott sei Dank durch ein Wunder gerettet worden. Nun ist sie in Antwerpen und wartet auf ihren Mann.(…) Sigs Vetter hatte auch das Affidavit für Gretel geschickt und es war alles in Ordnung, so dass sie hätten im August nach USA fahren können. Leider kam es anders.

Im Juni 1941 befand sich Grete Rothschild, die sich nun Marguerite nannte, in einer Pension in Nizza. Zu diesem Zeitpunkt war sie schon seit 14 Monaten von ihrem Mann Siegfried getrennt. Er war interniert im Lager Les Milles bei Marseille. Über das Lager Drancy wurden die beiden mit dem 20. Transport am 17. August 1942 nach Auschwitz deportiert. Sie haben nicht überlebt.

In der Zwischenzeit hatte der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges im September 1939 sämtliche Emigrationsversuche ihrer Eltern Otto und Frieda Baum zunichte gemacht. Ihre Korrespondenz mit ihrem Sohn Hans konnte nur noch über Rote-Kreuz-Briefe erfolgen. Im Juli 1942 schrieben die Eltern: “Neuer Wohnsitz Theresienstadt-Böhmen. Wenn möglich schreiben von dort. (…) Bleibt in Verbindung mit Gretel, gedenkt ihrer. Innige Küsse Vater Mutter“.

Am 21. Juli 1942 wurden sie von Düsseldorf aus ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Otto Baum verstarb dort zwei Monate später, am 25. September 1942. Frieda Baum wohnte im Ghetto mit Gretes Tante Johanna (Mathel) Löwy zusammen. Diese hatte 1939, als die Anordnung für jüdische Bürgerinnen und Bürger kam, einen Zwangsnamen anzunehmen, sich einen als typisch jüdischen Namen aufgeführten neuen Vornamen zugelegt. Frieda Baum hatte darüber am Pfingstmontag 1939 an Hans Joachim geschrieben: „Tante Johanna heisst doch jetzt „Mathel“. – Was würdest Du dazu sagen, wenn ich meinen Namen geändert hätte. Ich heiße jetzt Frieda Sara Baum.“
Beide Frauen schrieben Postkarten an ihre Düsseldorfer Freundin Alma Kremser, die sie mit Paketen und Geldsendungen versorgte. Am 20. April 1943 schrieb Frieda Baum an sie: „Unsere Schwester Johanna und mir geht es Gottseidank gut. Mein geliebter Ehemann Otto ist leider nach 3 wöchentlicher Krankheit an Altersschwäche gestorben.“ Ihr letztes postalisches Lebenszeichen an Familie Kremser stammte 10. April 1944. Einen Monat später, am 15. Mai 1944, wurden die Schwestern aus dem Ghetto Theresienstadt in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Autorin: Hildegard Jakobs, Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf

Allen jüdischen Menschen wünschen wir von Herzen schöne Feiertage und einen guten Übergang in das neue Jahr 5783. Shana tova u‘metuka!

Unser Bild zeigt die Synagoge an der Kasernenstraße, die zwei Tage vor Erev Rosh haShana 5665 (6. September 1904) eröffnet wurde. Bis zur Zerstörung durch die Nationalsozialisten im November 1938 konnten die jüdischen Familien Düsseldorfs in dieser Synagoge ihre Feste und Gottesdienste begehen.