„Das Wort ergreifen,   
heisst immer auch handeln.“
Siegfried Lenz

Das Technische Berufskolleg Färberstraße und das Kriegsende in Düsseldorf

Ein Schulprojekt

Das Berufskolleg an der Färberstraße ist ein Ort, der in die Verbrechen der Kriegsendphase im April 1945 verstrickt ist. Ein Schulprojekt beschäftigte sich mit der Geschichte der Schule und ihrer Verbindung zur Widerstandsaktion „Rheinland“.

Ansprechpartnerin für das Projekt:
Dr. Andrea Ditchen, Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf

Das Schulprojekt

September 2025–Februar 2026

Im Zuge der Debatte um die Biografie Oberstleutnants Franz Jürgens, dem Kommandeur der Schutzpolizei Düsseldorf, der als Unterstützer der Widerstandsaktion „Rheinland“ ermordet wurde, sind nicht nur die nach ihm benannten Straßen in Düsseldorf umbenannt worden. Auch das Franz-Jürgens-Berufskolleg entschloss sich, seinen Namen in Technisches Berufskolleg Färberstraße abzuändern.

Dennoch bleibt das Berufskolleg ein historischer Ort, dessen Geschichte eng mit den Verbrechen der Kriegsendphase 1945 in Düsseldorf verbunden ist. Deshalb ist es der Stadt und einem engagierten Kreis der Schulgemeinschaft ein Anliegen, dass dieser Teil der Schulgeschichte auch nach der Umbenennung nicht in Vergessenheit gerät.

Von September 2025 bis einschließlich Februar 2026 starteten die Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf und die Schule deshalb ein Projekt, in dem sich Schüler:innen des Berufskollegs intensiv mit der Geschichte der Schule auf aktuellem Stand der historischen Forschung auseinandersetzen konnten. An drei Workshop-Tagen beschäftigten sich die jungen Menschen, angeleitet durch Dr. Andrea Ditchen und Luisa Dixneit von der Mahn- und Gedenkstätte, mit der Situation in Düsseldorf während der letzten Kriegswochen, mit der Widerstandsaktion „Rheinland“ und mit der Person Franz Jürgens‘.

Die Idee, seitens der Gedenkstätte eine moderne Informationsausstellung (mit begleitenden didaktischen Materialien) im Gedenkraum der Schule installieren zu lassen, wurde auf Wunsch der Schülerschaft verworfen. Die jungen Menschen beschlossen, sich gemeinsam mit ihren engagierten Lehrkräften selbst auf den Weg zu machen, eine würdige Form des Gedenkens und der Information für den Gedenkraum zu erarbeiten.
Erkenntnisse aus dem historischen Informationsprojekt mit der Gedenkstätte und erste Ideen für die Neukonzeption des Gedenkraums konnten seitens der Schule am 16. April 2026 während der Gedenkveranstaltung zur „Aktion Rheinland“ und zum Kriegsende vor 81 Jahren vorgestellt werden.

Die Lage

Der historische Hintergrund

Februar 1945: Das Donnern der Artillerie war in Düsseldorf immer deutlicher zu hören. Die Alliierten rückten an der Westfront gegen den Widerstand der deutschen Wehrmacht auf den Rhein vor. Am 3. März 1945 wurden Oberkassel und die anderen Stadtteile westlich des Rheins von amerikanischen Verbänden befreit.
Für die Düsseldorfer Bevölkerung begannen sechs äußerst gefährliche Wochen, die die bisherige Kriegszeit in den Schatten stellten. Einerseits wurde die östliche Stadt nun von der linken Rheinseite aus belagert. Jederzeit konnten im Stadtgebiet Artilleriegeschosse niedergehen. Auch kesselten die Alliierten das Rhein-Ruhr-Gebiet ein und rückten östlich des Rheins von allen Seiten auf Düsseldorf vor. Dies war die militärische Gefahrenlage.

Zusätzlich radikalisierten sich viele Nationalsozialisten, den eigenen Niedergang vor Augen, nach dem Motto: Wenn wir untergehen, dann geht ihr mit uns unter. Jede Form von vermeintlichem Widerspruch oder Ungehorsam wurde drakonisch bestraft – oft mit dem Tod. Menschen, die das Regime bereits zuvor verfolgt hatte, wurden mit ungebrochener Härte drangsaliert und ermordet.
Viele dieser Menschen wurden willkürlich erschossen. Wenn ein gerichtlicher Weg gewählt wurde, waren es meist NS-Sondergerichte oder Standgerichte, die über das Leben der Menschen urteilten. Dabei ging es nicht darum, gerechte Urteile zu fällen. Das Ziel war, eine Atmosphäre von Angst zu schaffen, in der die Menschen dem Regime und der Wehrmacht bedingungslos gehorchten.

Der Ort

Der historische Hintergrund

Für die Verteidigung der Stadt Düsseldorf ließ das Regime alle verfügbaren Männer zusammenziehen. Neben ausgebildeten Soldaten mussten auch Polizei- und Feuerwehrleute die Stadt verteidigen. Überall im Stadtgebiet entstanden Befehlsstellen und Unterkünfte für diese Truppen – so auch an der Allgemeinen Berufsschule an der Färberstraße sowie der benachbarten Städtischen Knabenmittelschule und der Volksschule an der damaligen Clarenbachstraße.

Jeglicher Schulunterricht war in Düsseldorf bereits am 7. Oktober 1944 eingestellt worden. Einige Ausgebombte hatten in den Schulgebäuden Unterschlupf gefunden. Vor allem waren hier in den letzten Kriegstagen aber die Angehörigen des III. Polizei-Wachbataillons untergebracht. Ein entlang der Clarenbachstraße gelegenes Grundstück nahe der Unterstation des Elektrizitätswerks wurde vom Wachbataillon als Übungsplatz genutzt.
Doch dieser Platz hatte noch eine andere Funktion: Seit etwa Ende März bis zum 10. April 1945 wurden hier bis zu neun Menschen erschossen, denen Fahnenflucht vorgeworfen wurde. In der Berufsschule an der Färberstraße wurde eine Zelle eingerichtet, wo diese Menschen auf ihre Hinrichtung warten mussten.
Wenige Stunden vor Ende des Krieges in Düsseldorf kamen noch einmal fünf weitere Opfer hinzu: Mitglieder der Widerstandsaktion Rheinland und der sie unterstützende Kommandeur der Düsseldorfer Schutzpolizei wurden ebenfalls nahe der Unterstation des Elektrizitätswerks erschossen.

Aktion Rheinland – Die Personen

Der historische Hintergrund

Am 12. Februar 1945 gaben sich der Schreinermeister Ernst Klein, der Rechtsanwalt Dr. August Wiedenhofen und der Bäckermeister Josef Lauxtermann einen bedeutungsschweren Handschlag. Sie wollten angesichts des alliierten Vormarsches auf das Rhein-Ruhr-Gebiet aktiv werden zum Schutz ihrer Heimatstadt Düsseldorf. Konkret wollten sie die weitere Zerstörung der lebenswichtigen Infrastruktur durch fanatische Nationalsozialisten oder alliierte Angriffe sowie den Tod weiterer Menschen verhindern. Schnell weihten sie Kollegen, Freunde und Bekannte ein.

Sie konnten dazu auf zwei Netzwerke zurückgreifen, die sich in Gerresheim und in der Stadtmitte gebildet hatten. Kristallisationspunkt der Gruppe Stadtmitte war Dr. August Wiedenhofen, der Ernst Klein etwa 1943/44 im Luftschutzkeller kennengelernt hatte. Über ihre persönlichen und beruflichen Kontakte kamen Josef Lauxtermann, der Anstreicher Karl Kleppe, der Generalvertreter Josef Knab, der entlassene Wehrmachtssoldat Hermann Weill und der Jurist Dr. Karl Müller hinzu.

In Gerresheim hatten der Architekt Aloys Odenthal, der ehemalige Polizei-Amtsgehilfe Theodor Winkens, der Bauunternehmer Theodor Andresen und der Jurist Müller einen ähnlichen Austausch gepflegt. Durch Müller kamen die beiden Gesprächskreise im Frühjahr 1945 schließlich in Kontakt.

Der Unterstützer

Der historische Hintergrund

Die Mitglieder der Aktion Rheinland verständigten sich darauf, Düsseldorf kampflos an die alliierten Truppen zu übergeben. Damit dies gelingen konnte, bedurfte es auf der Seite der deutschen Verteidiger eines Unterstützers der Widerstandsgruppe, der bereit war, seinen Truppen die Kapitulation zu befehlen.

Einen solchen Unterstützer fand die Gruppe im Kommandeur der Düsseldorfer Schutzpolizei, Oberstleutnant Franz Jürgens. Jürgens, Jahrgang 1895, war seit Oktober 1944 in Düsseldorf. Als 17-Jähriger hatte er sich freiwillig gemeldet und im Ersten Weltkrieg gekämpft. Nach dem Armeedienst wechselte er als Polizeileutnant zur Ordnungspolizei Hamburg, einem Zweig der Polizei, der stark militärisch ausgerichtet war und in den ersten Jahren überwiegend von republikfeindlichen Offizieren geleitet wurde. Seit 1925 gehörte Jürgens der „Vereinigung der Oberbeamten der Ordnungspolizei Hamburg“ an, einer deutschnationalen Offiziersvereinigung, die sich nach 1930 zunehmend für rechte Parteien und die NSDAP aussprach. Jürgens selbst trat zum 1. Mai 1933 der NSDAP bei.

Wie Jürgens zum Nationalsozialismus und seinem mörderischen Gedankengut stand, lässt sich mangels persönlicher Quellen nicht nachzeichnen. In Darmstadt, wo er ab August 1941 die Schutzpolizei kommandierte, war er qua Amt für die Abstellung von Schutzpolizisten zur Begleitung der Deportationszüge in die Ghettos verantwortlich. Erst in Düsseldorf scheint Jürgens durch Kritik an einer Weiterführung des Krieges seinem unmittelbaren Umfeld aufgefallen zu sein.
Diese Kritik machte Jürgens zu einem interessanten Partner für die Mitglieder der „Aktion Rheinland“. Denn in den letzten Wochen des Krieges wurde zunehmend auch die Polizei in die Verteidigung der Stadt einbezogen.

Die Aktion

Der historische Hintergrund

Am 16. April 1945 war es so weit, die Übergabe der Stadt an die Alliierten sollte in die Wege geleitet werden. Um 13 Uhr trafen sich August Wiedenhofen, Karl Müller, Theodor Andresen, Aloys Odenthal und Josef Knab mit Franz Jürgens in dessen Büro im Polizeipräsidium, um die Details abzusprechen.

Im Laufe des Tages würden die Amerikaner bei Hilden und Benrath stehen. Dorthin sollten sich Müller und Wiedenhofen auf den Weg machen und die Amerikaner vom kampflosen Einmarsch nach Düsseldorf überzeugen. Jürgens übergab Wiedenhofen dafür eine Vollmacht, die deutschen Linien zu passieren und mit den alliierten Truppen zu verhandeln. Außerdem stellte er eine weiße Fahne, einen Dienstwagen mit Fahrer und Waffen. Vor dem Aufbruch der beiden galt es allerdings, den regimetreuen Polizeipräsidenten, SS-Brigadeführer August Korreng, in Schutzhaft zu nehmen. Damit wollte die Gruppe verhindern, dass Korreng mit seinem höheren Dienstrang Jürgens‘ Befehl zur Kapitulation aufheben konnte.
Nachdem der Polizeipräsident in Haft saß, informierte Jürgens die Abschnittskommandeure über die geplante Übergabe der Stadt. Karl Müller verblieb im Polizeigefängnis, um Korreng mit Polizeibeamten zu bewachen. Die übrigen Gruppenmitglieder fuhren in die Stadt, um ihre Kollegen für die erste Wachschicht im Präsidium abzuholen.

Scheitern und Erfolg

Der historische Hintergrund

Bei ihrer Rückkehr ins Präsidium ahnten die Mitglieder der Aktion Rheinland nicht, was inzwischen passiert war: Jürgens war durch Wehrmachtssoldaten verhaftet und Korreng durch den Gauleiter und regimetreue Polizeibeamte befreit worden. Als Theodor Andresen, Josef Knab, Hermann Weill und Karl Kleppe im Präsidium Müller als Wache ablösen wollten, liefen sie diesen Beamten direkt in die Arme und wurden verhaftet. Karl Müller konnte fliehen und auch Wiedenhofen und Odenthal konnten gewarnt werden. Sie brachen sofort zu den alliierten Truppen auf.

Am frühen Abend erreichten die beiden über Gerresheim und Hubbelrath den Gefechtsstand der amerikanischen Truppen in Mettmann. Sie trugen ihr Anliegen vor, konnten allerdings erst am nächsten Morgen verhandeln, dass der Einmarsch von Hilden aus ab 15 Uhr startete – ohne vorherigen Artilleriebeschuss.
Zu diesem Zeitpunkt waren ihre verhafteten Mitstreiter bereits tot. Jürgens war vor einem eilig einberufenen Standgericht im Beisein des Gau- und Kreisleiters zum Tode verurteilt worden. Andresen, Kleppe, Knab und Weill waren – körperlich schwer misshandelt – von einem Wehrmachtsstandgericht zum Tode verurteilt worden. Jürgens wurde noch am Abend des 16. April auf dem Übungsplatz an der Färber- und Clarenbachstraße erschossen. Die vier Männer der Widerstandsgruppe wurden in die Haftzelle der Schule Färberstraße gebracht und nacheinander in der Nacht zum 17. April auf dem Übungsplatz erschossen.
Am 17. April 1945, gegen 17 Uhr, nahmen die amerikanischen Truppen, begleitet von Wiedenhofen und Odenthal, Düsseldorf und das Polizeipräsidium kampflos ein. Der Nationalsozialismus in Düsseldorf war vorbei.

Aller Ehren wert?

Der historische Hintergrund

Die Benennung einer Straße ist eine der höchsten Auszeichnungen, die eine Stadt vergeben kann. Für ihren mutigen Einsatz wurden die ermordeten Mitglieder der Aktion Rheinland unmittelbar nach Kriegsende mit Straßennamen geehrt. Nach Franz Jürgens wurde zudem das Berufskolleg an der Färberstraße benannt. Hintergrund war der Gedanke, dass er als Teil der im NS zum Gehorsam verpflichteten Polizei ein besonderes Risiko bei der Aktion zu Kriegsende eingegangen war. Wie aber hatte er sich zuvor verhalten?

Jürgens wurde nach 1933 seitens seiner nationalsozialistischen Vorgesetzten stets positiv bewertet. In Darmstadt wurde er sogar vorzeitig befördert. Dort war Jürgens allerdings in die Deportationen jüdischer Menschen verstrickt. Die Schutzpolizei hatte die Wachmannschaften für die von der Gestapo organisierten Deportationen zu stellen. Jürgens zollte seinen Beamten für ihre Beteiligung an den 1942 durchgeführten Transporten seine Anerkennung, würdigte also ihren Einsatz. Allein in den drei Deportationen 1942 wurden über 3.100 Menschen aus Darmstadt, Worms, Mainz, Bingen, Ingelheim und den umliegenden Landgemeinden in die Ghettos in Osteuropa verschleppt. Ob Jürgens die Deportationen an sich befürwortete, bleibt unklar, ebenso ob er sich aktiv um einen Eintritt in die SS bemühte.
Durch seine Versetzung von Darmstadt nach Düsseldorf entstand der Eindruck, Jürgens könne auf Distanz zum NS gegangen sein. Was sich jedoch belegen lässt ist, dass er in Darmstadt zwar in Luftschutzfragen mit örtlichen Parteistellen in Streit geriet, seine Versetzung nach Düsseldorf aber keine Bestrafung, sondern eine explizite Beförderung war. Auch jetzt noch hatten NS-Vorgesetzte nur Lob für ihn übrig.

Franz Jürgens handelte mutig während der letzten Kriegstage in Düsseldorf, um weitere Zerstörung, Leid und Tote zu verhindern, und bezahlte diesen Einsatz mit seinem Leben. Deshalb wird zurecht an ihn als Unterstützer der „Aktion Rheinland“ erinnert. Eine Auszeichnung wie eine Schul- und Straßenbenennung ist vor dem Hintergrund seines gesamten Lebens jedoch schwer zu rechtfertigen. Das Berufskolleg und die Landeshauptstadt entschlossen sich deshalb 2023/24 zu den Umbenennungen.

Die vielfältigen Lebensgeschichten queerer Menschen in der Zeit von 1933 bis 1945 werden in der Ausstellung anhand von Dokumenten, Grafiken, Fotografien und Zitaten nachgezeichnet. Darunter ist auch bislang unveröffentlichtes Material. Die Ausstellung bietet sowohl einen breiten Überblick als auch tiefergehende Einblicke in die Biografien der Menschen.

Es wird deutlich, wie das Leben vieler queerer Menschen gebrochen und zerstört wurde. Erzählt wird unter Einbeziehung aktueller Forschungsergebnisse nicht nur die Verfolgungsgeschichte, sondern auch Wege der Selbstbehauptung in einer widrigen Lebensrealität bis in die Nachkriegszeit.

Die Wanderausstellung der Bundestiftung Magnus Hirschfeld wurde in Düsseldorf um die Schau „Queeres Leben in Düsseldorf. Von den Goldenen Zwanzigern bis 1945“ erweitert.

Auf Grund der großen Nachfrage, verlängern wir die Ausstellung noch über die Sommerferien bis zum 30. August 2026.
Nach dem 5. Juli bieten wir keine weiteren öffentlichen Führungen an und es können auch keine Führungen mehr gebucht werden.

Das Begleitprogramm wird unterstützt Amt für Gleichstellung und Antidiskriminierung und Queere Geschichte(n) Düsseldorf e. V.